Qi Gong, Taiji Quan, TCM, Lebenspflege, Daoismus, I Ging

Was ist Qi Gong?

Nach chinesischem Verständnis ist Qi (ausgesprochen: tschi) die allem Lebendigen, ja dem ganzen Kosmos innewohnende Urkraft. Im menschlichen Körper ist Qi in den Nieren gespeichert, die Lunge nimmt es durch die Atmung auf, die Milz gewinnt es aus der Nahrung. In einem verzweigten Netz von Energiekanälen – den Akupunktur-Meridianen der chinesischen Medizin – sowie in den Nervenbahnen und Blutgefässen strömt das Qi durch den ganzen Körper, versorgt die Organe und Gewebe, stärkt die Lebensfunktionen.

Seit alters werden in China, ergänzend zu den anderen traditionellen Methoden der Gesundheitspflege und Medizin, Gymnastik-, Atem- und Konzentrationsübungen angewendet, die dazu beitragen, dass das Qi aus Atemluft und Nahrung besser aufgenommen und im Körper verteilt werden kann und das gespeicherte Qi genährt und veredelt wird. Für die Daoisten des Altertums – die Anhänger des grossen Mystikers und Weisen Laozi (5. Jh. v.Chr.) und seiner Lehre vom Dao, der Harmonie zwischen Mensch und Kosmos – waren eine leichte, mühelose und zugleich tiefe Atmung, eine lockere und doch aufrechte Körperhaltung, geschmeidige Glieder und ein wacher, gesammelter, ungetrübter Geist die Voraussetzungen für ein langes, gesundes Leben, ja sogar für den Weg zur Unsterblichkeit.

Die Sammelbezeichnung Qi Gong (ausgesprochen: tschi gung; wörtlich: „regelmässiges Üben mit der Lebensenergie“) ist erst seit etwa siebzig Jahren gebräuchlich. Sie umfasst eine Vielzahl von meist bedeutend älteren, über Jahrhunderte erprobten und verfeinerten Übungssystemen. Der Grossteil entstammt den Traditionen der zahlreichen daoistischen Schulen und Sekten sowie dem Behandlungsrepertoire berühmter daoistischer Ärzte, ein Teil aber auch den Trainingsprogrammen von Kampfkunstschulen sowie Praktiken, die in buddhistischen Klöstern gepflegt wurden. Qi Gong-Übungen werden teils in Bewegung und mit Einsatz des Atems, teils ruhig stehend oder sitzend in einem Zustand tiefer Entspannung und Konzentration ausgeführt. Je nach ihrem Ursprung sind einige mehr auf Gesundheitspflege und therapeutische Effekte, andere mehr auf die Kampfkünste ausgerichtet; wieder andere nähern sich stark der Meditation an.

Bekannte Qi Gong-Systeme

Zu den bekannteren unter den zahlreichen medizinisch-heilgymnastischen Übungsreihen gehören

  • Wu Qin Xi (“Kunst der fünf Tiere”), das älteste noch vollständig überlieferte Qi Gong, eine Folge von kräftigenden Gymnastikübungen, die der bedeutende Arzt Hua Tuo (ca. 140-220 n.Chr., östliche Han-Dynastie) aus den charakteristischen Bewegungen von Tiger, Hirsch, Bär, Affe und Kranich entwickelt hat;
  • Liu Zi Jue (“Sechs heilende Laute”), erstmals erwähnt in einer Schrift des Daoisten Tao Hongjing (456-536 n.Chr.), Atemübungen zur Energiereinigung, bei denen unterschiedliche Zisch- und Hauchlaute ohne Einsatz der Stimmbänder artikuliert werden, deren Schwingungen heilkräftig auf die inneren Organe wirken
  • Ba Duan Jin (“Acht edle Brokatstücke”), eine Folge von acht hocheffizienten Dehn- und Aufwärmübungen mit präziser Atemregulierung, ursprünglich von einem General der Song-Dynastie im 12. Jh. n.Chr. für seine Soldaten entwickelt;
  • Chan Mi Qi Gong, ein aus buddhistischer Tradition stammendes mehrstufiges Übungssystem, dessen Bewegungsformen in erster Linie die Elastizität und Durchlässigkeit der Wirbelsäule fördern, von der Wirbelsäule ausgehend die inneren Organe regulieren und auf den höheren Stufen, durch Konzentration, Visualisierungen und den Einsatz von Mantras ergänzt, den Geist läutern;
  • Shiba Shi (“Stil der achtzehn Bewegungen”), ein modernes, dem medizinischen Qi Gong zuzurechnendes Set von sehr ausgewogenen, fliessend ineinander übergehenden Atem- und Bewegungsübungen, die der Sportmediziner Prof. Lin Hou Sheng z.T. in Anlehnung an Figuren aus dem Yang-Stil-Taiji Quan entwickelt hat;
  • die vierundzwanzig daoistischen Übungen aus dem Trainingsprogramm der Yang-Familie (s. hier ‘Was ist Taiji Quan?’), eine Abfolge von Aufwärm-, Lockerungs-, Dehnungs- und Atemübungen, die praktisch alle gesundheitlichen Bereiche abdecken und insbesondere Rücken und Gelenke stärken.

“Stehen wie ein Pfahl” – hier die dritte Position des Zhan Zhuang nach Meister Chu King Hung

Neben den zahllosen Bewegungsübungen gehört zum Qi Gong auch die wiederum in vielfältigen Variationen verbreitete Stehmeditation Zhan Zhuang (“Stehen wie ein Pfahl”). Mit dieser Methode erarbeitet man sich eine korrekte Körperhaltung, kraftvolle Verwurzelung der Füsse, übt sich nicht nur im Entspannen der Muskulatur, sondern auch im inneren Loslassen und erlangt so mit der Zeit einen hohen Energielevel und zugleich einen klaren, ruhigen Geist. Für Menschen, die innere Kampfkünste praktizieren, ist Zhan Zhuang der Königsweg, braucht aber anfangs Geduld und Durchhaltewillen.

Li Zhi Chang, Grossmeister des Stillen Qi Gong

Wenn der Qi-Fluss im Körper nicht durch äussere Bewegungen – einschliesslich der Atemmuskulatur -, sondern nur mental, mit Hilfe der Vorstellungskraft angeregt wird, spricht man von Stillem Qi Gong. Auch hier gibt es zahlreiche Übungen, von denen die meisten aus teilweise uralten daoistischen Meditationspraktiken abgeleitet sind. Deren Ziel war, die Vitalessenz unseres physischen Körpers, das Jing, zu bewahren, um ein langes Leben zu erhalten, es “alchemistisch” in Qi umzuwandeln und so Shen, den Geist, zu nähren und eine spirituelle Neugeburt zu erlangen. Mein langjähriger daoistischer Lehrer, der chinesische Arzt und Qi Gong-Meister Li Zhi Chang (*1942), hat schon in seiner Jugend diese Methoden teils aus eigener Familientradition, teils durch Unterweisungen von Mönchen des berühmten Weisse-Wolken-Tempels in Beijing wie auch von Lamas tibetisch-buddhistischer Klöster in sich aufgenommen und verband sie später mit seiner Tätigkeit als Akupunkteur und Heiler. Auch in seinem Unterricht hat er uns ihre ganzheitliche, Körper, Geist und Gemüt durchdringende, heilende und transformierende Wirkung immer wieder eindrücklich demonstriert.

Was ist Taiji Quan ?

Charakteristisch für das altchinesische Kulturgut Taiji Quan (ausgesprochen: tai dschi tschüen; sinngemäss: „die Faust, die mit dem höchsten universalen Prinzip im Einklang ist“) sind langsame, mit dem Atem verbundene, sanft fliessende Bewegungen, die aus dem Repertoire der Kampfkunst stammen und die konzentriert, zugleich aber ganz entspannt ausgeführt werden. Die grossen Meister des Taiji Quan waren und sind auch gegenwärtig noch gefürchtete Kampfkünstler, die weich und geschmeidig agieren und im entscheidenden Moment enorme innere Energien zu mobilisieren vermögen. Doch für viele Menschen im heutigen China und weltweit steht beim Erlernen von Taiji Quan weniger die Selbstverteidigung als vielmehr die Gesundheitspflege sowohl in körperlicher als auch in psychischer und mentaler Hinsicht im Vordergrund. Insofern stellt Taiji Quan eine Spielart des Qi Gong, der chinesischen Atem- und Bewegungstherapie, wie auch eine bewegte Form der Meditation dar.

Regelmässiges Taiji-Üben verbessert die Körperhaltung und festigt das innere wie äussere Gleichgewicht. Es vertieft die Atmung, fördert die Durchblutung, hält Sehnen und Gelenke geschmeidig und trägt zur Gesundheit der inneren Organe bei. Darüber hinaus trainiert es Gedächtniskraft und Konzentrationsfähigkeit und hilft gegen Stress, da es beruhigend und entspannend wirkt und den Übenden „erdet“. Schliesslich ist Taiji Quan als eine hohe Kunst, mit der man sich ein Leben lang beschäftigen und in der man stets noch hinzulernen kann, ein faszinierender Weg der Selbstkultivierung.

Der traditionelle Yang-Stil

Von links nach rechts: Yang Lu Chan – Yang Cheng Fu – Yang Shou Zhong

An unserer Schule wurde Taiji Quan in der authentischen Tradition des Yang-Stils – eines der klassischen Familienstile des alten China – unterrichtet. Dessen Begründer war der aus der Provinz Hebei stammende Yang Lu Chan (1799-1872), der in seiner Jugend bei Meister Chen Chang Xing (1771-1853) den Chen-Stil erlernt und diesen später nach eigenen Vorstellungen umgeformt hatte. Yang Lu Chan genoss in der damaligen Kampfkunstszene höchstes Ansehen (“Yang, der Unbesiegbare”); in Beijing gehörten mehrere Offiziere der kaiserlichen Leibgarde zu seinen Schülern. Sein Enkel Yang Cheng Fu (1883-1936) hat wie kein anderer das Taiji Quan als Gesundheitsübung populär gemacht. Er und sein ältester Sohn, Meister Yang Shou Zhong (1910-1985), waren die ersten, die öffentlich unterrichteten und die Geheimnisse der Überlieferung an jeden talentierten und würdigen Schüler unabhängig von Herkunft und sozialer Stellung weitergaben.

Von links nach rechts: Ip Tai Tak – Chu King Hung – Ding Teah Chean (John Ding)

Yang Shou Zhong emigrierte nach der Gründung der kommunistischen Volksrepublik ins damals britische Hongkong, wo die von ihm gegründete Schule bis heute besteht, inzwischen unter Leitung seiner Tochter Yang Ma Lee. Seine drei Meisterschüler waren Chu Gin Soon (1933-2019), Chu King Hung (*1945), dessen Privatschüler ich während vieler Jahre sein durfte, und als ältester der drei Ip Tai Tak (1929-2004), dessen umfassendes Wissen mittlerweile von meinem gegenwärtigen Lehrer Meister John Ding (eigentl. Ding Teah Chean) weitergegeben wird. Im “Stammbaum” der Yang-Familie seit Yang Lu Chan repräsentiert Meister Chu heute die fünfte, Meister Ding die sechste Generation. Neben den Nachfolgern von Yang Shou Zhong berufen sich in der Volksrepublik China auch die Nachkommen von dessen jüngeren Brüdern, die freilich, anders als der Älteste, nicht mehr von Yang Cheng Fu selbst unterrichtet wurden, auf die Familientradition.

Zwei Figuren aus der Yang-Stil-Taiji-Form: Dan Bian (“einfache Peitsche”) –
Bai He Liang Chi (“Der weisse Kranich breitet die Flügel aus”)

Zentrale Disziplin im Taiji Quan ist stets das Studium einer “Form”, die das gesamte Repertoire an Stössen, Faustschlägen, Kicks, Abwehrstellungen, Ausweichmanövern, Vor- und Rückwärtsschritten, Richtungswechseln etc. beinhaltet, das in den Kampfkünsten Anwendung findet, und zwar in einer längeren, festgelegten Abfolge von langsam und mit höchster Konzentration auszuführenden Bewegungen, die ohne jegliche Stockung fliessend ineinander übergehen. Im Yang-Stil dauert  die Form etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten. Ihre drei Teile symbolisieren in Anlehnung an die daoistische Kosmologie die Erde, den Himmel und den Menschen, der beide verbindet. Die Bewegungen gehen aus der Stille hervor und kehren am Ende in die Stille zurück; sie erstrecken sich in alle acht Himmelsrichtungen und wechseln ständig von Yin (zurückweichend bzw. erdwärts gerichtet, öffnend, aufnehmend) zu Yang (vorwärtsgehend bzw. nach oben gerichtet, schliessend, Energie aussendend). Darin widerspiegeln sie jene grundlegenden, von Polaritäten, Rhythmen, zyklischen Verläufen bestimmten Gesetze, auf denen der Wandel allen Lebens im Universum beruht. Insofern ist Taiji, wenn es in einer meditativen Haltung praktiziert wird, weit mehr als ein softes Kampfkunsttraining oder eine exotische Art Gymnastik!   

Begleitet wird die Formarbeit von anfänglich strukturierten, später auch freien Partnerübungen wie Tui Shou („schiebende Hände“, Push-hands), in denen die Lernenden in spielerischer Form ihr wachsendes Verständnis der Kampfkunstaspekte erproben und anwenden können, und von Qi Gong-Methoden zur Entspannung und Lockerung, zur Schulung  der Achtsamkeit und um den Atem zu trainieren und “innere Kraft” zu entwickeln. Für letzteres stellt insbesondere das Zhan Zhuang (ausgesprochen: dschan dschwong; Stehmeditation mit wechselnden Armpositionen) einen zwar herausfordernden, aber lohnenden Übungsweg dar.

Feng Huang Zhan Chi (“Der Phönix breitet die Flügel aus”) aus der Yang-Stil-Schwertform

Wie in anderen Taiji-Stilen wird auch in der Yang-Tradition neben der Faust mit Waffen wie Schwert, Säbel, Stock und Speer trainiert. An unserer Schule habe ich während Jahren die Yang-Taiji-Schwertform und Grundlagen der Schwert-Kampfkunst unterrichtet.

Prinzipien und Methoden der TCM

Aus Sicht der altchinesischen Heilkunde ist Krankheit der Ausdruck einer länger anhaltenden energetischen Disbalance im Körper. Wenn das Verhältnis zwischen den polaren Grundkräften Yin (kühlende, nach innen gerichtete, sinkende, ruhende Energie) und Yang (wärmende, nach aussen gerichtete, steigende, bewegende Energie) z.B. bereits konstitutionell und zudem durch ungesunde Lebensweise (Schlafmangel, Überarbeitung, Suchtverhalten, sexuelle Verausgabung) sowie durch einseitige Ernährungsgewohnheiten gestört ist, etwa zuviel Rohkost und Milchprodukte im Winter oder zuviel gegrilltes, scharf gewürztes Fleisch und Alkoholika im Sommer, dann kann es leicht durch Krankheitserreger oder extreme Witterungsverhältnisse völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Ebenso können Bewegungsmangel, Haltungs- und Atemfehler, aber auch  seelische Belastungen und unkontrollierte oder unverarbeitete Emotionen zu chronischen Verspannungen der Muskulatur führen, die den Energiefluss blockieren, Disharmonien im Körper entstehen lassen und damit das Nervensystem, die Organe und Gewebe schädigen.

Solche Disharmonien sind etwa Fülle, d.h. energetisches Übergewicht, erkennbar an heftigen, plötzlich auftretenden Symptomen wie z.B. starken Schmerzen, rascher Erregbarkeit und Unruhe sowie geräuschvollem Sprechen und Auftreten,  gegenüber Leere, d.h. energetischer Schwäche, die sich in einer schleichenden Symptomatik, etwa in chronischen Schmerzen, Antriebsschwäche, Müdigkeit und in zaghaftem Auftreten zeigt. Speziell Yin-Mangel führt ausserdem zu Symptomen von Hitze (Fieber, Schwitzen, roter Kopf), Yang-Mangel hingegen zu solchen von Kälte (kalte Gliedmassen, Frösteln, Blässe). Der chinesische Arzt bezieht neben Anzeichen wie diesen noch Befunde einer hochdifferenzierten Puls- und Zungendiagnostik ein, die auch Auskunft über den Zustand einzelner Organe gibt.  

Umgekehrt bedeutet Gesundheit, dass die Lebensenergie, das Qi (ausgesprochen: tschi), in den Meridianen (Energieleitbahnen) frei zirkulieren kann und sich Yin und Yang somit in fliessendem Gleichgewicht befinden. Um diesen harmonischen Zustand zu erhalten oder wiederzuerlangen, bietet die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) verschiedene Behandlungsmethoden an: Diätetik, Kräuterheilkunde, Atem- und Bewegungstherapie (Qi Gong, auch Taiji Quan), Akupunktur und schliesslich Tui Na, die chinesische Heilmassage, wozu auch die Akupressur gehört.

In der Ernährungslehre und Pflanzenheilkunde werden die energetischen Qualitäten der Nahrungs- wie auch der Arzneimittel (wärmend – kühlend, trocknend – befeuchtend, anregend – beruhigend) und zugleich deren unterschiedliche Geschmacksrichtungen, die spezifisch auf die einzelnen inneren Organe wirken, zum Ausgleichen von Yin und Yang im Körper eingesetzt.

Im heilgymnastischen Qi Gong geschieht die Aktivierung der Lebensenergie durch Bewegungsimpulse und vertiefte Atmung (im Stillen Qi Gong auch durch Konzentration auf bestimmte Energiezentren oder Leitbahnen) und in der Meridiantherapie (Akupunktur, Tui Na) durch taktile Reize: Während bei einer Akupunkturbehandlung die Energiepunkte auf den Meridianen mit feinen Nadeln stimuliert werden, um das blockierte Qi in Fluss zu bringen, wird dies bei der Akupressur, der „kleinen Schwester“ der Akupunktur, mittels Fingerdruck und leichten, kreisenden Bewegungen bewirkt.

Auf den zwölf beidseitig verlaufenden, den wichtigsten inneren Organen zugeordneten Hauptmeridianen und den beiden Sondermeridianen entlang der hinteren und vorderen Mittellinie des Körpers befinden sich gesamthaft 361 klassische Punkte. Über die Jahrtausende ist ein reiches Erfahrungswissen angesammelt worden, welche davon bei welchen Krankheiten massiert oder genadelt, allenfalls auch mittels Moxibustion (dem gezielten Einsatz kleiner Glutkegel aus getrocknetem Beifuss-Kraut knapp über der Haut) gewärmt werden sollten.

Akupressur ebenso wie Qi Gong eignet sich hervorragend für die Selbstbehandlung – einerseits  zur Gesunderhaltung und Abwehrstärkung, andererseits bei Alltagsbeschwerden oder zur Unterstützung des Heilungsprozesses neben einer ärztlichen oder naturärztlichen Therapie.

Yang Sheng – pfleglich mit sich selbst umgehen

Angeblich zahlte man im alten China seinem Arzt dann und so lange ein Honorar, als man bei guter Gesundheit war – eine Erfolgsprämie. Der Arzt war also in erster Linie Berater für einen gesunden Lebensstil und trat nur im Notfall als Experte für die Behandlung von Krankheiten in Erscheinung. Richtschnur für jegliche Massnahmen zum Erhalt der Gesundheit waren, gut daoistisch, die Erkenntnisse über Gesetzmässigkeiten in der Natur, von denen alle Lebewesen und selbstverständlich auch die Menschen abhängig sind. Die Weisen richteten ihr Augenmerk auf die zyklischen Veränderungen in der Natur, den Wechsel von Tag und Nacht, den Wechsel der Mondphasen, der Jahreszeiten, der Witterungsverhältnisse und der Vegetationsperioden, sie erkannten darin das unablässige Zusammenspiel der kosmischen Urkräfte Yin und Yang und erforschten den Zusammenhang zwischen diesen Rhythmen und den wechselnden Zuständen des Qi, der Lebensenergie, im menschlichen Organismus. Dadurch waren sie in der Lage, den Menschen detaillierte Hinweise für ein der Gesundheit dienliches Leben im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten zu geben.

Hauptquelle dieses alten Wissens ist das bis heute autoritative Grundlagenwerk der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), das Huangdi Nei Jing (“Klassiker des Gelben Kaisers über das Innere”), welches die Tradition dem mythischen Kaiser Huangdi (angeblich um 2600 v.Chr.) zuschreibt, während es tatsächlich wohl erst in der frühen Han-Dynastie (um 200 v.Chr.) aus älteren medizinischen Traktaten kompiliert wurde. In dessen erstem Teil, dem in Dialogform abgefassten Su Wen (“Einfache Fragen”), erörtert Huangdi mit seinem Leibarzt Qi Bo die Prinzipien gesunder Lebensführung. Im Eingangskapitel heisst es:

In der Vergangenheit praktizierten die Menschen das Dao, den Weg des Lebens. Sie entwickelten Praktiken, um den Fluss der Energie zu unterstützen. Sie übten sich in Meditation, um in Einklang mit dem Universum zu kommen. Sie assen ausgewogen und regelmässig, sie vermieden jede geistige und körperliche Überanstrengung, sie standen zu bestimmten Zeiten auf und gingen zu bestimmten Zeiten zu Bett und waren in jeder Hinsicht massvoll. (…) Da sie ein schlichtes Leben führten, kannten sie auch Zufriedenheit. Sie begnügten sich mit einfachem, aber nahrhaftem Essen, und ihre Kleidung war den Erfordernissen der Jahreszeiten angepasst. Es kam nie vor, dass sie in Luxus schwelgten. Zufrieden mit ihrem Platz im Leben, waren sie frei von Eifersucht oder Neid. Sie verspürten Mitleid mit anderen Menschen und standen ihnen hilfreich zur Seite, sie waren ehrlich und frei von zerstörerischen Neigungen. Nichts konnte sie verführen, sie blieben unerschütterlich, auch wenn Schwierigkeiten auf sie zukamen.

(Zitiert nach Maoshing Ni: Der Gelbe Kaiser. Das Grundlagenwerk der Traditionellen Chinesischen Medizin. Frankfurt a.M. 1998.)

Soweit das Ideal. Doch was hilft im Alltag, wenn man sich in diese Richtung entwickeln möchte? Ein bekannter Dao-Meister unserer Zeit gibt u.a. folgende Ratschläge:

Lächeln Sie den Stress weg. Vergessen Sie nie, Ihr Herz mit Liebe und die Augen mit einem echten Lächeln zu füllen. Dies ist die beste vorbeugende Medizin. (…) Sie sollten mit Bedacht reden; überlegen Sie gut, was Sie sagen und wann und wie Sie es sagen wollen. Eine solche Rede ist ein Segen für alle, und Sie bewahren Ihr Qi, wenn Sie weniger reden. (…) Überessen Sie sich nicht. Hören Sie auf zu essen, bevor Sie satt werden, und gehen Sie dann spazieren. Vor dem Zubettgehen sollten Sie überhaupt nichts essen. (…) Für die Daoisten ist Masslosigkeit in jeder Form von Übel: Zorn, Kummer, übertriebenes Mitleid und Melancholie sind schädlich, aber ebenso ein Übermass an Freude oder Vergnügen. Schonen Sie Ihre Sinneswerkzeuge, vor allem Augen und Ohren: Überbeanspruchung der Sinne verwirrt den Geist und kann zu Krankheiten führen.

(Mantak Chia: Tao Yoga des Heilens. Die Kraft des Inneren Lächelns und die Sechs Heilenden Laute. München 1987.)

Äusserst wertvolle Hinweise für die tägliche Praxis enthält schliesslich das folgende schöne alte daoistische Gedicht (zitiert nach Stuart Olson: Das Qi pflegen. Die geheimen Trainingsdokumente der Familie Yang. Bielefeld 2005):

Das Lauschen auf das Fliessen des Wassers tut den Ohren wohl.
Das Betrachten des Grüns von Bäumen und Pflanzen unterstützt die Augen.
Das Studium der Bücher, welche die Prinzipien darlegen, nährt den Geist.
Das Spiel der Laute und das Üben der Schrift nützt den Fingern.
Das Wandern mit dem Stock kräftigt die Füsse.
Die Ruhe des Geistes und das Sitzen in Meditation bringt die Persönlichkeit weiter.
Das Harmonisieren von Atem und Qi stärkt die Muskeln und Sehnen.

Die Weisheitslehre des Daoismus

Der Mensch folgt dem Gesetz der Erde,
die Erde folgt dem Gesetz des Himmels,
der Himmel folgt dem Gesetz des Dao [des ‘Weges’].
Das Dao folgt seinem eigenen Lauf.

So dichtete der Philosoph und Mystiker Laozi (5. Jh. v.Chr.) in seiner berühmten Schrift Dao De Jing (“Buch vom ‘Weg’ und seinem Wirken”). Die zentrale Lehre des Daoismus besteht darin, dem Menschen seine Stellung und seine Aufgabe im Universum bewusst zu machen. Er soll sich nicht, wie etwa in der abendländischen Tradition, als “Krone der Schöpfung”, als “maître et possesseur du monde” (R. Descartes, 1596-1650) betrachten, sondern um sein Eingebundensein ins grosse Ganze wissen. Er soll Selbstüberschätzung und Selbstsucht abstreifen, nachgiebig und bescheiden werden. Nur so, indem er den Gesetzen von Himmel und Erde folgt, und nicht, indem er der Natur, den Lebewesen und seinesgleichen seinen Willen aufzuzwingen versucht, dient er auch am besten seinen wahren Interessen und seinem Wohlergehen.

Der Weise, er setzt sein Selbst hintan,
und so kommt auch er selbst voran.
Indem er sein Selbst vertreibt,
er auch selbst erhalten bleibt.
Weil er nichts Eigenes begehrt,
wird ihm sein Eigen nicht verwehrt.

Aus dieser Grundüberzeugung heraus entwickelten die Daoisten im alten China über Jahrhunderte hin vielfältige Methoden, um das menschliche Leben mit der Natur und dem Universum in Einklang zu bringen. Alle Charakteristika der authentischen chinesischen Kultur haben hier ihren Ursprung. Man strebte nach der grossen Harmonie von Himmel, Erde und Mensch. Die agrarische Lebensweise der Bevölkerung förderte das Interesse an genauer Beobachtung der klimatischen Veränderungen im Jahreslauf sowie der Zyklen von Sonne, Mond und weiteren Gestirnen. Da der Mensch selbst als Mikrokosmos betrachtet wurde, als ein Wesen, das von den gleichen Gesetzen bestimmt ist wie das ganze Universum und in dem sich somit auch die gleichen Prozesse abspielen wie im Makrokosmos, fanden die Ergebnisse der Naturbeobachtung und die Konzepte der Naturphilosophie nicht nur in der Landwirtschaft und in mancherlei staatlichen Vorkehrungen Anwendung, die man heute dem Natur- und Umweltschutz zurechnen würde, sondern beispielsweise auch – in Gestalt der Energielehre Feng Shui – in Architektur, Städtebau, Garten- und Landschaftsgestaltung; in den Kampfkünsten (“Nichts auf der Welt ist so weich und nachgiebig wie das Wasser, und doch bezwingt es das Harte und Starke”, Dao De Jing); in der Medizin, die zu einem grossen Teil auf den Theorien von Yin und Yang sowie von den fünf Elementen oder Wandlungszuständen (Wu Xing) beruht – und nicht zuletzt in allen Bereichen der Gesundheitspflege und -vorsorge (Yang Sheng) wie der Ernährungslehre, dem Qi Gong und der daoistischen Liebeskunst.

Die grossen Geistestraditionen im alten China – Daoismus, Konfuzianismus und später noch der Buddhismus – standen zwar in manchen Fragen in Opposition zueinander, haben sich aber dessenungeachtet über die Jahrhunderte hin immer stark ausgetauscht und gegenseitig beeinflusst. So teilt der Daoismus ein entscheidendes methodisches Prinzip mit dem Konfuzianismus: das tägliche Üben, die stete, geduldige Kultivierung seiner selbst. Von Kongzi (Konfuzius, 551-479 v.Chr.) ist dieser Ausspruch überliefert:

Mit fünfzehn hatte ich mich zum Lernen entschlossen.
Mit dreissig stand ich fest, mit vierzig war ich frei von Zweifeln.
Mit fünfzig erkannte ich den Willen des Himmels.
Mit sechzig war ich immer noch lernbegierig.
Mit siebzig konnte ich den Wünschen meines Herzens folgen,
ohne gegen das Rechte zu verstossen.

Erst gegen Ende seines Lebens also, so bekennt der Meister hier, hatte er für seine Person das Ziel, die Einheit von Himmel, Erde und Mensch, erreicht – erst als die Wünsche seines Herzens auf natürliche Weise, ungezwungen, mit dem übereinstimmten, was er im Denken schon Jahrzehnte zuvor erkannt hatte, dem Willen des Himmels. Der zur Vollendung gelangte Weise entspricht dem Dao – er darf sich erlauben, “seinem eigenen Lauf” zu folgen, “ohne gegen das Rechte zu verstossen”. Zu Laozi zurückkehrend, finden wir eine Stelle im Dao De Jing, die sich in ihrer Knappheit und Dichte vortrefflich als Lebensregel für den persönlichen ‘Weg’ der Kultivierung eignet:

Wisse das Einfache zu schätzen, umfange das Ungekünstelte,
verringere die Selbstsucht, zügle die Begierden.

Der Sinn dieser Devise geht indes über das Alltagspraktische und Ethische noch weit hinaus. Anders als Konfuzius und seine Schüler strebten die Daoisten nicht nur das Sich-Angleichen an den Willen des Himmels, sondern entsprechend ihrer Makrokosmos-Mikrokosmos-Anschauung die persönliche Unsterblichkeit durch Einswerdung mit dem Dao selbst, dem unerschöpflich zeugenden Urquell des Universums an. Die daoistische Selbstkultivierung hat eine spirituelle Dimension, sie geht in eine mystische Praxis über. Nochmals Laozi:

Wer ohne Begehren schaut,
dem offenbart sich das Geheimste;
wer begehrend schaut,
erblickt nur das Begrenzte.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wie die Konfuzianer beschreiten auch die Daoisten den Weg der Selbstkultivierung im Sinne einer Läuterung und Selbstüberwindung, um zur Einheit mit Himmel und Erde zu gelangen und so der natürlichen Harmonie in allen Bereichen des Lebens zu entsprechen. Darüber hinaus verfolgen sie das Ziel, in spirituellem Sinne “unsterblich” zu werden, indem sie sich als der Mikrokosmos, den sie individuell verkörpern, mehr und mehr dem Lebensquell Dao selbst anzugleichen streben. Zu diesem Prozess gehört, dass sie sich “ent-ichen”, sich gleichsam leer machen. Denn leer, eigenschaftslos, “nicht-seiend”, ist das Dao, aus dem doch die ganze Fülle des Seins hervorgeht.  

Hier wird ein Paradox deutlich. Das Dao zeugt und schafft spontan, es “folgt seinem eigenen Lauf”. Alles wirkt es, aber ohne eigentliches Handeln, da frei von Vorsatz und Absicht. Sein Tun ist ein – allerdings unerschöpflich produktives – Nicht-Tun (Wu Wei). Der sich daoistisch Kultivierende steht also vor der Herausforderung, sich einerseits seinem spirituellen Ziel (als Einswerdung, mystische Schau, Unsterblichkeit oder wie auch immer umschrieben) ohne Übungsmethoden überhaupt nicht nähern zu können, das Ziel aber andererseits niemals zu erreichen, so lange noch irgendeine Form von Eigenwillen, so lange noch Absichten und Begierden im Spiel sind. Das Dao De Jing beginnt mit den Versen:

Das Dao [der ‘Weg’], das man bezeichnen kann,
ist nicht das ewige Dao.

Entsprechend könnte man für den Übungsweg formulieren: “Das Ziel, das man von sich aus, durch eigenes Tun erreichen kann, ist nicht das wahre Ziel”. Die Übungsmethode muss diesem Paradox gewachsen sein. Laozi lehrt:

Wer sich dem Lernen hingibt, nimmt täglich zu.
Wer sich dem Dao hingibt, nimmt täglich ab –
nimmt ab und abermals ab und kommt so zum Nicht-Tun.
Verweilend im Nicht-Tun bleibt doch nichts ungetan.

Mein verehrter langjähriger Lehrer Meister Li Zhi Chang pflegte uns Schülern daher im Unterricht jeweils zu Beginn einer meist sehr anspruchsvollen, hohe Konzentration erfordernden inneren Übung die paradoxe Anweisung mitzugeben: “Wir üben schlampig”, “Wir üben, als ob wir etwas verblödet wären” oder gar “Wir üben nicht”. Manchmal empfahl er auch die Vorgehensweise “Mit der Form der Übung beginnst – im Formlosen endest du”. Im Formlosen, Chaotischen – der Grundeigenschaft des eigenschaftslosen, geheimnisvollen Dao.

Uralte Weisheit: Das Yi Jing

In allen alten Kulturen entwickelten die Menschen Praktiken, um das Schicksal, den Willen der Götter zu ergründen und sich auf zukünftiges Geschehen vorbereiten zu können. Zeugnis eines der ältesten und ehrwürdigsten Verfahren zur Divination (Weissagung; von lat. divinum, “das Göttliche”) ist das Yi Jing (in geläufigerer Transkription I Ging, “Buch der Wandlungen”), für die Chinesen seit Jahrtausenden – wie für uns Abendländer die Bibel – das “Buch der Bücher”. Das Textkorpus in seiner bis heute überlieferten Gestalt soll etwa auf die Zeit des Kongzi (Konfuzius, 5. Jh. v.Chr.) zurückgehen, der manchen sogar als Verfasser, zumindest als Anreger der zahlreichen darin enthaltenen Kommentare und Erläuterungen gilt. Wesentlich älter ist der nur etwa viertausend Schriftzeichen umfassende Urtext, der traditionell dem König Wen und seinem Sohn, dem Herzog von Zhou (11. Jh. v.Chr.), zugeschrieben wird und seinerseits auf noch früheren Quellen basiert.

Das Yi Jing enthält Anleitungen für ein rituelles Zählorakel mit Schafgarbenstängeln (Achillea millefolium), mithilfe dessen man auf eine gestellte Frage je nach Ergebnis des in sechs Schritten erfolgenden Zählvorgangs eines von vierundsechzig Hexagrammen als Antwort erhält. Dies sind abstrakte, aus jeweils sechs übereinander angeordneten waagrechten Strichen bestehende Zeichen, welche der Idee nach je eine Grundsituation im sich stets wandelnden Lebensprozess symbolisieren. Alles im Universum folgt ja gemäss altchinesischer Anschauung in seiner Unbeständigkeit, hinter welcher gleichwohl ewige Gesetze wirken, dem Wechselspiel von Yin und Yang. Diese beiden Urkräfte werden in den Hexagrammen durch unterbrochene – – (Yin) bzw. durchgezogene Striche — (Yang) dargestellt.

Ursprünglich wurde wohl so orakelt, dass man die Schafgarbenstängel nur dreimal in bestimmter Weise durchzählte und das jeweilige Resultat mit Yin (gerade Zahl) oder Yang (ungerade Zahl) gleichsetzte. So ergab sich eines von acht Trigrammen (aus drei Yin- und Yang-Strichen unterschiedlich aufgebaute Zeichen), welche elementaren Naturphänomenen bzw. Wirkkräften zugeordnet wurden mit der Vorstellung, das in der Befragung ermittelte Trigramm repräsentiere die in der konkreten Situation gerade vorherrschende kosmische Energie. Diese acht sind:

     Qian (“Himmel”, “das Schöpferische”, zeugend, mächtig, stark)

     Kun (“Erde”, “das Empfangende”, tragend, hingebend, nachgiebig)

     Zhen (“Donner”, “das Erregende”, erschütternd, dynamisch, heftig)

     Xun (“Wind”, “das Eindringende”, einwirkend, flexibel, sanft)

     Kan (“Wasser”, “das Abgründige”, gefahrvoll, geheimnisvoll, dunkel)

     Li (“Feuer”, “das Haftende”, klärend, bewusst, hell)

     Gen (“Berg”, “das Stillehalten”, zurückhaltend, still, introvertiert)

     Dui (“See”, “das Heitere”, anregend, fröhlich, extravertiert)

Die Tradition führt die Ba Gua (“acht Zeichen”), in denen man unschwer vier archetypische Gegensatzpaare erkennen kann, auf den mythischen Urkaiser Fu Xi zurück, dem sie beim Meditieren über Himmel und Erde eingegeben worden seien. Ihre Kombination zu den vierundsechzig Hexagrammen, die das kosmologische Modell des Yi Jing von den Urkräften der Wandlungen zu den Modellsituationen der Lebensvielfalt ausdifferenzierte, erfolgte wohl im Verlauf des zweiten vorchristlichen Jahrtausends. Und König Wen und der Herzog von Zhou waren es dann, die für jedes Hexagramm und seine jeweilige Strichkombination, d.h. Yin-Yang-Dynamik, grundlegende Hinweise zur Deutung in Form eines “Urteils” und sechs knapper “Strichworte” vorlegten.

War das Yi Jing für die Zhou-Könige noch vor allem ein Orakelbuch, das der Vergewisserung über die Angemessenheit und Erfolgsträchtigkeit des eigenen herrscherlichen Handelns vor dem Hintergrund unablässig wechselnder kosmischer Konstellationen diente, so wurde es seit seiner Entdeckung durch die Jünger Kongzis und durch die nach und nach anwachsende Kommentarliteratur aus konfuzianischer, daoistischer und später auch buddhistischer Sicht immer mehr zu einem Weisheitsbuch und einem Leitfaden für eine aus Einsicht in höhere Gesetzmässigkeiten resultierende Lebensgestaltung, für die Selbstkultivierung des “Edlen”.

Das Studium des Yi Jing dient zweierlei: der Weissagung und der inneren Kultivierung. Letztere ist der eigentliche, höhere Zweck.

(Liu Chun Tsu, Yi Jing-Meister aus Taiwan, an einem Seminar in München 2011)

Abschliessend ein Beispiel, das hier freilich nur oberflächlich erläutert werden kann:

Jemand befragt zu einem sich stellenden Problem das Yi Jing (keine Entscheidungsfrage à la “Soll ich…?”, sondern z.B. “Womit muss ich rechnen, wenn ich…?”). Das Teilen und Durchzählen der Stäbe ergibt stets eine Zahl zwischen 6 und 9; nehmen wir an, dass sich in diesem Falle folgende Resultate ergeben haben: 7 (ungerade = Yang) für die unterste, jeweils 8 (gerade = Yin) für die zweite, die dritte und die vierte Linie, 9 (Yang) für die fünfte und nochmals 8 (Yin) für die oberste Linie. Damit erhält der Fragende das Hexagramm  

Nr. 3 Zhun, “die Anfangsschwierigkeit”

Es baut sich auf aus dem unteren Trigramm Zhen (“das Erregende”, der Donner) und dem oberen Trigramm Kan (“das Abgründige”, das Wasser). Unten (bzw. innen) also ein starker Impuls, etwas energisch Hervordrängendes, symbolisiert durch den Yang-Strich zuunterst; oben (bzw. aussen) eine Gefahr oder zumindest eine Schwierigkeit, die vorerst Grenzen setzt – das Wasser scheint sanft und weich und vermag doch den härtesten Stein zu durchdringen, wie im Trigramm Kan der Yang- zwischen den beiden Yin-Strichen veranschaulicht. Man kann auch das Hexagramm als Ganzes bildlich auffassen: Ein Gewitter tobt sich aus – doch es wird abziehen und die Atmosphäre gereinigt und die Erde getränkt zurücklassen. Entsprechend positiv lautet das “Urteil” zu diesem Hexagramm in der formelhaft-archaischen Sprache des Königs Wen:

Die Anfangsschwierigkeit wirkt erhabenes Gelingen.
Fördernd ist Beharrlichkeit.
Man soll nichts unternehmen.
Fördernd ist es, Gehilfen einzusetzen.
(Zit. nach: I Ging. Das Buch der Wandlungen. Aus dem Chinesischen übertragen und erläutert von Richard Wilhelm. Köln: Anaconda, 2007)

Beharrlichkeit bei einem Projekt zahlt sich also ebenso aus wie Kooperation. Anfangsschwierigkeiten sind  kein Grund aufzugeben, gehören vielmehr – wie eine Prüfung – zur Sache selbst. Doch es lohnt sich, diese Sache nicht in sturer Weise durchboxen zu wollen, und schon gar nicht im Alleingang.

Nun kann man aber noch weiter in die Tiefe gehen. Es macht einen Unterschied, ob bei den Zählresultaten eine 6 oder eine 8 zu einem Yin-Strich geführt hat. Die 6 steht für ein “altes” Yin, das bereit ist, in Yang überzugehen, die 8 für ein “junges”, stabiles Yin. In unserem Beispiel sind alle Yin-Striche stabil. Bei den Yang-Strichen hatte die befragende Person für die unterste Linie eine 7 erhalten, die für “junges”, stabiles Yang steht, für die fünfte Linie aber eine 9. Hier haben wir es mit dem Wert für “altes”, im Übergang zu Yin begriffenes Yang zu tun, mit einer sog. Wandlungslinie. Solchen kommt bei der Deutung einer Yi Jing-Legung besondere Aufmerksamkeit zu – in zweierlei Hinsicht:

  1. gibt der Urtext zu den Wandlungslinien besondere Hinweise in den allerdings oft recht kryptischen “Strichworten” des Herzogs von Zhou. Im vorliegenden Fall – Hexagramm Nr. 3, Neun auf fünftem Platz – lautet der Spruch:

    In einer schwierigen Lage sind die Segnungen spärlich; ein wenig Beharrlichkeit bringt Glück, viel Beharrlichkeit bringt Unglück.
    (Zit. nach: I Ging. Das Buch der Wandlungen. Herausgegeben von Thomas Cleary, aus dem Amerikanischen von Ingrid Fischer-Schreiber. Zürich: Diogenes, 2018)

  2. lässt sich der Lebensprozess, in den das in Frage stehende Problem eingebettet ist, besser verstehen, wenn man auch das in der gegenwärtigen Situation noch Verborgene erkennt. Hier ist es der fünfte Strich, der sich anschickt, von Yang in Yin überzugehen. Am Horizont taucht also ein neues, ein sog. Wandlungs-Hexagramm auf, in diesem Falle

Nr. 24 Fu, “die Wiederkehr”

Unten haben wir nach wie vor das Trigramm Zhen – oben indes Kun (“das Empfangende”, die Erde). Der Donner, die junge, frühlingshafte, eruptive Vitalkraft, ist (noch!) ganz in der winterlichen Erde verborgen. Zum Verständnis dieses Zeichens ist es hilfreich zu bedenken, dass Yang u.a. für Licht und Wärme, Yin für Dunkel und Kälte steht. Mit der “Wiederkehr” ist auf kosmischer Ebene die Wiederkehr des Lichts in der Zeit der Wintersonnwende gemeint: Von unten her dringt ein erster Yang-Strahl in die durch fünf Yin-Striche symbolisierte Dunkelheit ein; weitere werden folgen. – Im Anschluss an die “Anfangsschwierigkeit” ist die “Wiederkehr” als Ermutigung zu verstehen, seine Absichten trotz zunächst “spärlicher Segnungen” nicht verbissen, nicht mit zuviel, doch mit “ein wenig Beharrlichkeit” (s.o.) weiter zu verfolgen und auf den Zuwachs neuer Kräfte zu vertrauen. Mit den Worten des Königs Wen im “Urteil” zu Nr. 24:

Die Wiederkehr: Gelingen. Ausgang und Eingang ohne Fehl. Freunde kommen ohne Makel. Hin und her geht der Weg.
(Zitiert nach der Übersetzung von Richard Wilhelm, s.o.)